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Kasse zahlt nun Trisomie-Test bei Schwangeren

FĂŒr viele werdende Eltern ist die Gesundheit des Babys das Allerwichtigste - und entsprechend groß das Bangen in der Schwangerschaft. Bluttests, die Kenntnis ĂŒber gewisse Erbgutfehler beim Baby versprechen, werden ab Freitag (1. Juli) in bestimmten FĂ€llen von den Kassen bezahlt.

Was fĂŒr viele wie ein Gewinn wirken dĂŒrfte, lĂ€sst BehindertenverbĂ€nde, viele Kirchen und Ärzte allerdings Alarm schlagen: Seit Jahren wird das Thema teils hitzig diskutiert. Noch immer sehen Fachleute gehĂ€ufte Bluttests auf Trisomie 21 als schmalen Grat - und nicht selten als ethischen Fallstrick.

Blut wird auf Erbgutfehler untersucht

Sogenannte nicht-invasive PrĂ€nataltests (NIPT) stehen Frauen schon seit 2012 zur VerfĂŒgung, allerdings mĂŒssen sie bislang in der Regel selbst bezahlt werden, was teuer werden kann. Beim Test wird eine Blutprobe der werdenden Mutter auf bestimmte Erbgutfehler des Fötus untersucht: etwa auf eine Trisomie 21 (Down-Syndrom), bei der das Chromosom 21 dreifach vorhanden ist und die mit unterschiedlich ausgeprĂ€gten körperlichen und geistigen AuffĂ€lligkeiten einhergeht.

Ist das Testergebnis negativ, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen werden, dass das Ungeborene Trisomie 21 hat. Ist es hingegen auffĂ€llig, muss ein weiterer Eingriff folgen, um eine sichere Diagnose zu stellen - etwa eine Fruchtwasseruntersuchung, die mit einem geringen Risiko fĂŒr eine Fehlgeburt einhergeht.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ein Gremium, das Ärzte, Krankenkassen und Kliniken zusammenbringt, hatte schon 2019 grundlegend entschieden, dass der NIPT auf die Trisomien 21, 13 sowie 18 in begrĂŒndeten EinzelfĂ€llen und nach Ă€rztlicher Beratung unter Verwendung einer Versicherteninformation Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) werden soll. Ein Argument: Der Bluttest sei im Gegensatz zu Ă€lteren Methoden ohne Risiko fĂŒr Mutter und Kind.

Sozialberater befĂŒrchtet standardmĂ€ĂŸige Gendiagnostik

Vor einem «großen Selektieren» warnt nun der Allgemeine Behindertenverband in Deutschland (ABiD). Sozialberater Dennis Riehle sagte kĂŒrzlich, er denke, es sei «mit den geltenden Sozialgesetzen nicht vereinbar, wenn die Krankenversicherung kĂŒnftig den Bluttest auf Trisomie 21 finanzieren soll». Durch den Vorstoß steige der Anreiz zur standardmĂ€ĂŸigen DurchfĂŒhrung der Gendiagnostik - ein Trend, der verhindert werden mĂŒsse.

«Die utopische Ideologie des idealen Menschen fĂ€nde weitere AnhĂ€nger. Wir dĂŒrfen keine Selektion zulassen, sondern mĂŒssen den Schutz jedes Einzelnen in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns stellen», sagte Riehle. Letztlich sei aller Anreiz, ĂŒber eine Behinderung wie das Down-Syndrom beim heranwachsenden Baby Kenntnis zu erhalten, «eine potenzielle Entscheidungshilfe, sich einseitig und unkritisch gegen das Kind zu positionieren».

Thomas von Ostrowski, Vorstandsmitglied des Berufsverbands niedergelassener PrĂ€natalmediziner (BVNP), sieht vor allem ein Problem in der unklaren Festlegung, fĂŒr wen die Tests bezahlt werden sollen. Im GesprĂ€ch mit der dpa mahnt auch er: «Unter keinen UmstĂ€nden darf der NIPT als Reihenuntersuchung auf Trisomie 21 verstanden werden.» Dies könnte aus seiner Sicht angesichts der unklaren Vorgaben aber passieren. Der G-BA-Beschluss sieht vor, dass die neue GKV-Leistung greift, wenn sich aus anderen Untersuchungen ein Hinweis auf eine Trisomie ergeben hat - oder wenn eine Frau mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt zu der Überzeugung kommt, dass der Test in ihrer persönlichen Situation notwendig ist.

Risikoschwangerschaften nicht klar definiert

Angelika Wolff, Expertin fĂŒr Schwangeren- und Schwangerschaftskonfliktberatung der Diakonie Deutschland, sagt auf Anfrage: «Wir erwarten, dass es durchaus weit verbreitet werden könnte, den NIPT durchzufĂŒhren.» Die Regelung beziehe sich auf KostenĂŒbernahme bei «Risikoschwangerschaften» - das sei aber kein klar definierter Begriff.

Leicht gemacht habe der G-BA es sich mit der Entscheidung zu keinem Zeitpunkt, betont eine Ausschuss-Sprecherin. Neben dem Hauptargument, dass der Test eine sichere Alternative zu den invasiven Untersuchungen sei, spiele auch eine Rolle, dass mit Einschluss des Bluttests in die GKV-Versorgung ein Ungleichgewicht beendet werde. Bislang sei es Frage der finanziellen Mittel gewesen, ob Frauen den Test nutzen konnten oder auf invasive Verfahren angewiesen waren.

Experten sehen vor allem in der Kommunikation und Information den SchlĂŒssel - und auch die grĂ¶ĂŸte Schwierigkeit. Die G-BA-Sprecherin verweist auf die VersichertenbroschĂŒre, die beim BeratungsgesprĂ€ch verpflichtend mit einzubeziehen sei. Diese beschreibe, welche Aussagen mit dem Bluttest möglich seien und welche nicht und wie zuverlĂ€ssig die Testergebnisse seien. Zudem mĂŒsse ein auffĂ€lliges Ergebnis zunĂ€chst weiter abgeklĂ€rt werden.

Viel Verantwortung liegt nun bei den Ärzten

Von Ostrowski sagt: «Zentrale Herausforderung wird das GesprĂ€ch mit der Schwangeren sein, um dieser eine selbstbestimmte Entscheidung zu ermöglichen.» Die Versicherteninformation ist aus seiner Sicht aber widersprĂŒchlich und lĂ€sst Fragen offen. Ärztinnen und Ärzten obliege nun eine enorme Verantwortung. Wolff von der Diakonie hebt zudem die große Bedeutung psychosozialer Beratung bei schwierigen Entscheidungsprozessen hervor - und sieht einen verstĂ€rkten Bedarf zur vernetzten Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen.

Doch mit der Neuregelung kommt auch auf werdende MĂŒtter (und VĂ€ter) und die ganze Gesellschaft einiges zu. BVNP-Vorstand von Ostrowksi ist sicher: «Die Erweiterung der NIPTs als Kassenleistung wird gesellschaftlich noch weiter zur Polarisierung beitragen.»

Riehle sieht in der Neuregelung sogar eine «gesellschaftliche Sprengwirkung». Er hĂ€lt jedoch den Schwerpunkt der gesellschaftlichen Diskussion fĂŒr falsch gesetzt: Anstelle einer Debatte ĂŒber die PrĂ€nataldiagnostik mĂŒsse eine Debatte ĂŒber das Bild von Behinderung stehen. «Die Anerkennung von uneingeschrĂ€nkter WĂŒrde jeder Person zu praktizieren, das bleibt Aufgabe von uns allen.» Auch Wolff von der Diakonie betont: Ziel mĂŒsse sein, alle Kinder, auch jene mit einer Trisomie, gut aufwachsen lassen zu können. «Hier sind noch viele Schritte hin zu einer inklusiveren Gesellschaft notwendig.»


Copyright 2022, dpa (www.dpa.de). Alle Rechte vorbehalten / Bild: Tobias Kleinschmidt/dpa
(30.06.2022)


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